Saison 2017_2018 
Schiffbau
23.09.2017
Antonio Vigano
Fratelli nach Carmelo Samona

"Zwei erwachsene Brüder leben gemeinsam in einer Wohnung. Einer der beiden hat autistische Züge, lebt in seiner eigenen Welt. Der andere bemüht sich um ihn, übernimmt Verantwortung für das Leben seines Bruders und hilft ihm den Alltag zu bewältigen. Er versucht ihn zu verstehen, mit ihm zu kommunizieren, die Logik im Verhalten seines Bruders zu verstehen und Zugang zu dessen Welt zu finden. Mit Hilfe von Ritualen und Spielen, schafft er es, sich seinem Bruder zu nähern. Geschichten, das Nachspielen von Geschichten scheinen den Bruder glücklich zu machen. Momente der Gemeinsamkeit wechseln mit Augenblicken der Verzweiflung, wenn die scheinbare Nähe wieder unendlich weit wegrutscht, ohne dass man weiss, warum und weshalb. Gesten und Bewegungen sind Ausdrucksmittel, um eine gemeinsame Sprache zu finden, eine Kommunikation, die sich Worten und rationaler Logik verweigert."
[Schauspielhaus]
Gut gespielt, etwas pädagogisch halt.
Pfauen
27.10.2017
Barbara Frey
Der zerbrochene Krug von Heinrich von Kleist

"Der Krug der Marthe Rull ist zerbrochen. Nachdem das wertvolle Stück ein Zeitalter von Brand und Zerstörung überstanden hatte, ging er ausgerechnet im Zimmer der Tochter Eve zu Bruch. Unter Verdacht steht Eves Verlobter Ruprecht, den Marthe vor dem Gericht in Huisum verklagt. Doch Ruprecht erlebte am Tatort ganz anderes: Er habe Eve mit einem unerkannten Fremden, der sogleich die Flucht ergriff, bei einer nächtlichen Liaison erwischt. Huisums Dorfrichter Adam hat den Fall aufzuklären. Dieser rückt zunehmend selbst ins Licht des Verdachts. Er verstrickt sich immer mehr in Behauptungen und Lügen und hält somit wie König Ödipus über sich selbst Gericht. Zum Schluss wissen Kläger wie Angeklagte, dass es Adam war, den Ruprecht in die Flucht trieb. Er schlich aus Zuneigung nachts zu Eve ins Zimmer und wollte sie erpressen. Doch ob am Ende die Guten belohnt und die Bösen bestraft sind, bleibt in diesem tragischen wie komischen Lustspiel zweifelhaft. In Kleists Gerichtssaal gleicht die Welt der Wahrheitssuchenden viel mehr dem Scherbenhaufen der Marthe Rull."
[Schauspielhaus]
Ein Inszenierung ganz im Dienste des Kleist-Textes. Klasse!


Pfauen
04.11.2017
Tina Lanik
Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht
Musik Kurt Weill

"Polly Peachum ist verliebt. Der allseits gefürchtete Verbrecherkönig Macheath, genannt Mackie Messer, hat ihr Herz erobert. In einem Pferdestall findet heimlich die Hochzeit statt. Nur: Pollys Vater ist kein Geringerer als der Geschäftsmann Jonathan Peachum, der aus Elend Kapital schlägt, indem er gesunde Menschen zu Bettlerkrüppeln ausstaffiert auf die Strasse schickt. Er will Mackie Messer für seine Taten an den Galgen bringen und seine Tochter dem verhängnisvollen Verhältnis entreissen. Aber er hat die Rechnung ohne Tigerbrown gemacht: Der korrupte Polizeichef ist Mackies Freund und verhilft diesem zur Flucht. Weil mit Geld aber auch alles zu kriegen ist und Frau Peachum weiss, wo sich Mackie am liebsten aufhält, muss Polly versuchen, das Blatt noch einmal zu wenden."
[Schauspielhaus]
Ein leider völlig verunglückte Inszenierung: Orchester und Singstimmen ungenügend, Kostümierung nur peinlich und das Bühnenbild wie ein zu grosses Karussell auf die Bühne gequetscht. Schade!
ZKO-Haus
05.11.2017
Tobias von Arb und der Züricher Singkreis
Requiem von W.A. Mozart und G.F. Haas

"So sehr Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem in unserem Bewusstsein als einzigartiges Werk verankert ist, so sehr müssen wir doch auch mit der unumstösslichen Tatsache leben, dass Mozarts eigene Arbeit an dieser Totenmesse Fragment geblieben ist.
Die Ergänzungen und selbständigen Komponierarbeiten, die Mozarts Schüler Franz Xaver Süssmayr an dem hinterlassenen Torso vorgenommen hat, sind zudem von fragwürdiger Qualität. Deshalb sind bis in die jüngere Vergangenheit einige Versuche unternommen worden, das Requiem besser als Süssmayr fertig zu komponieren.
Einen ganz anderen Weg ging Georg Friedrich Haas (geb. 1953)
im Auftrag der Internationalen Stiftung Mozarteum: Er komponierte 2005 seine Sieben Klangräume für dieselbe Instrumentalbesetzung, die auch das Requiem fordert; in die bewegten Klangflächen hinein deklamiert der Chor Auszüge aus einem Brief der Stadt Wien, der Mozart kurz vor seinem Tod in gezwirbeltem Amtsdeutsch als Anwärter auf das Domkapellmeisteramt an St. Stephan bestätigt. Haas legte fest, dass seine Klangräume im Wechsel mit den von Mozart fragmentarisch hinterlassenen Sätzen des Requiems gespielt werden sollen; alle von Süssmayr komponierten Stimmen und Sätze haben dafür zu entfallen (auch da, wo ziemlich offensichtlich ist, was zu ergänzen wäre). Eine radikale, aber höchst aufregende Lösung, die das Requiem in ein völlig neues Licht stellt." [singkreiszh.ch]
Ein einzigartiges Konzert, das unter die Haut geht! Hervorragend!

08.11.17
Pfauen
Bastian Kraft
Buddenbrooks, nach Thomas Mann

„Kraft schafft das schier Unmögliche. Es gelingt ihm, den über 600 Seiten starken Roman in einen schlüssigen Spannungsbogen zu fassen, der Manns Stilmittel, dessen Erzähltechnik und – trotz unumgänglicher Straffung – die Romanhandlung präzis wiedergibt und doch eine durchaus eigenständige Lesart verrät. Kraft erfindet dazu einen Erzähler, eben jenen „anderen“ Hanno. Einen jungen Mann in einem Alter, das der empfindsame „echte“ Hanno nie erreichte. Claudius Körber verleiht ihm sachliche, unsentimentale und doch berührende Züge; es ist wohl kaum zu weit hergeholt, in ihm die Haltung der wohlwollenden Ironie und Distanz des Autors zu seinen Romanfiguren zu erkennen.“
[Schaffhauser Nachrichten]
Klare Erzählstruktur, hervorragende Schauspieler/innen,
Bühnenbild, Kameras immer ganz im Dienste des Erzählens. Hervorragend, welch ein Gegensatz zu der Dreigroschenoper!
15.11.17
Pfauen
Yael Ronen & Exil Ensemble
Winterreise

„Die Hausregisseurin am Gorki, die Israelin Yael Ronen legt eine Inszenierung vor, die die ureigenen Qualitäten des Theaters bedient. Es ist der Illusionsgehalt erstens, der Wirklichkeitsbezug zweitens und drittens die Kollision von eins und zwei, also die Politik. In „Winterreise“ erzählen die Neu-Berliner davon, wie sie es satthaben, in Deutschland immer ihre eigenen Geschichte(n) erzählen zu müssen. Also drehen sie den Spiess um und wollen alles über ihren Kollegen, den deutschen Gorki-Schauspieler Niels Bormann, hören. Und über seine Heimat.“
[NZZ]
Eine wunderbare Inszenierung mit witziger Sichtweise! Anschliessend an den Film gehe ich durch die Multikulti-Stadt, wo die verschiedensten Nationen friedlich zusammen leben und arbeiten. Ich frage mich, ob sich die SVP-Wortführer bewusst sind, welchen Schaden sie mit dem permanenten in-einen-Topf-Werfen anrichten können, das auf nichts anderes als auf die nächsten Wahl-Prozente schielt, aber auf die Dauer brandgefährlich ist.
Schiffbau
28.11.2017
Enrico Beeler
Just like our parents

La’lia hat Shaya einfach angesprochen. Man würde sehen, dass er ein Geflüchteter sei, so wie er aussehe. Sie mag ihn und gibt ihm ein wenig Geld. Er solle damit etwas aus sich machen. Doch in seinem jugendlichen Leichtsinn kauft er sich etwas völlig Unnötiges und traut sich fortan nicht mehr, La’lia zu treffen. Dabei wäre das dringend nötig, wie sich bald herausstellt.
«Meet Me», das preisgekrönte Stück der norwegischen Autorin Liv HelØe, das Enrico Beeler fürs Junge Schauspielhaus inszeniert hat, erzählt die Geschichte der beiden jungen Männer Shaya und Feda. Zwischen zermürbender Trostlosigkeit in der Flüchtlingsunterkunft, Warten auf den Brief von der Behörde, grossen Gefühlen und jugendlichem Tatendrang versuchen sie ihr Leben zu gestalten.
Das Stück wirft nämlich die eine grosse Frage auf: Was kann und muss sich ändern, damit junge Menschen – auch geflüchtete – ihr Potenzial und ihre Energie in unserer Gesellschaft entfalten können?"
[tagesanzeiger.ch]

Gutes Stück, gute Schauspieler/in, gute Inszenierung, die an frühere Regisseur-Arbeiten von Enrico Beeler anknüpfen. Ein bisschen déja-vu für mich. Der im Stück integrierte Musiker hat gepasst, auch mit seiner Musik!
Schiffbau
12.12.2017
Karin Henkel
Beute Frauen Krieg

"Der Krieg hat noch nicht begonnen, als der griechische Heerführer Agamemnon seine Tochter Iphigenie als Preis für göttlichen Seewind opfert. Nach Kriegsende wird Polyxena, die einzige noch lebende Jungfrau aus dem trojanischen Königshaus, als jugendfrisches Geschenk für blutige Heldentaten geschlachtet.
Der sagenhafte trojanische Krieg, eingerahmt durch zwei Mädchenopfer, forderte in zehn Jahren erbitterter Kämpfe unzählige Tote. Am Ende wird ganz Troja durch eine feige List der griechischen Feinde in einer einzigen Nacht brutal vernichtet. Übrig bleiben die Beutefrauen, gequält durch den Verlust der Heimat, der Männer und der Kinder, vielfach erniedrigt durch Schändung am eigenen Leib. Schutzlos sind sie der Gewalt und Willkür der Sieger ausgeliefert. Ihre Peinigungen sind Kollateralschäden des Krieges, ihre Zukunft ist die Sklaverei. Vor rund 2500 Jahren mahnte Euripides pointiert-verspielt an, was bis heute einfache und entsetzliche Wahrheit ist: Der Krieg ist gegenwärtig und schafft unschuldige Opfer und erbarmungsloses Leid.
In ihrer dritten Arbeit in der Schiffbau-Halle überträgt Regisseurin Karin Henkel („Elektra“, „Die zehn Gebote“) den antiken Diskurs im mehrteiligen Bühnenbild von Muriel Gerstner in einen zeitlos kreisenden Zyklus um Beute, Frauen und Krieg."
[schauspielhaus.ch]
Sehr gute Inszenierung, perfekt die Dreiteilung der Halle - versehen mit Kopfhörern gibt's immer die passende Szene zu hören. Der zweite Teil ohne Kopfhörer war für mich wieder schwierig. Die Technik hat versprochen, in Zukunft für den zweiten Teil die Hörhilfen einzuschalten. Gut!




 
Pfauen, Kammer
13.12.2017
Barbara Falter
Den Schlächtern ist kalt, oder ohlalahelvetia
von Katja Brunner (Uraufführung)

"Wer sind wir eigentlich, wo befinden wir uns? Zunächst in einem eleganten Wohnzimmer, aufgehoben in bester Gutbürgerlichkeit, dann auf einem Dorfplatz mit einer alten Frau, die ein Huhn rupft, oder auf einer Kirmes der Spassmaschinen und beheizten Herzen. Ein Mann und drei Frauen unterschiedlicher Generationen befragen die Lage der Nation, die Welt, in der sie leben, und sich selbst, ihren Ort darin. Wir können uns nicht entkommen. Alles, was wir in uns tragen, ist Geschichte. Unsere eigene, die der anderen und die einer ganzen Generation, geprägt von früheren Generationen. Wir sind Gewordene. Das kollektive Gedächtnis wird da sichtbar, wo die Schuld und das Gewissen zu Hause sind. Wir müssen uns erinnern, denn die Wahrheit ist trügerisch, „eine biegsame Rute“. Und die Zeit verändert die Dinge."
[schauspielhaus.ch]
Leider nein, Zugang versperrt, mein Nachbar schläft.
Pfauen
12.01.18
Christoph Marthaler
Mir nämeds of öis

„Das ist der unangenehmste Start, an dem ich je teilgenommen habe. Mir ist extrem übel“, meckert Jean-Pierre Cornus Laienpriester, den man nicht im Nacken stehen haben möchte. Auch den anderen ist furchtbar schlecht. Und das ist erst mal furchtbar witzig und selbstironisch. Noch treiben sie im Raumschiff ins Unbekannte und spekulieren auf grosse Gewinne. Schweine im Weltall eben. Ueli Jäggis grossartig sich selbst in die Tasche lügender Nestlé-tauglicher Geschäftsmann etwa beichtet beim Laienpriester, wie er südamerikanisches Grundwasser in Tresorgold verwandelte – zum Schaden der dortigen Bevölkerung. Nikola Weisse gibt souverän gebrochen eine unschuldige Paradise-Papers-Gewinnlerin. Raphael Clamers sportlicher Start-up-Optimist freut sich über den Knall des Aufpralls, wenn man von einer hohen Hoffnung tief fällt. Und Nicolas Rosats hoch komischer Edelkrimineller kommt mit dem moralischen Niedergang ganz gut zurecht. Wenn da Elisa Plüss deklamiert: „Nehmen ist dasselbe wie geben nur ohne geben“, spricht sie allen Anwesenden aus dem schmutzigen kleinen Herzen. Allmählich aber begreifen die Passagiere, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie die Verantwortung für ihre „selbst verschuldete Zwangslage endgültig übernehmen“ müssen. Koordiniert von Susanne-Marie Wrages Stewardess, die wunderbar eisköniginnenkalt ihre private Agenda verfolgt, fliegen sie in den Untergang.“
[Tages-Anzeiger]
"Nicolas Rosat als Fussball-Funktionär, der bei seiner schleimigen Rechtfertigungsrede immer wieder in Wutgebell verfällt, erhält ebenso Szenenapplaus wie Raphael Clamer, der als Gründer eines Start-ups zur karrierevernichtenden Erzeugung von Shitstorms eine Art epileptischen Anglizismen-Anfall quer durchs Alphabet zu überstehen hat. Als Ueli Jäggi mit dem vollendet pomadigen Schnulzencharme des Tingeltangel-Virtuosen „Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient“ von Udo Jürgens zelebriert, ist das Zürcher Premierenpublikum fast nicht mehr zu halten.“
[Frankfurter Allgemeine Zeitung]
Einfach nur gut! Und die Musiker...!


Pauluskirche
Zürich

14.01.18
 
Dominik Kiefer und das capriccio-barock-orchester
messiah (Mitsingkonzert)

"Eine besondere Aufführung mit über 130 Sängerinnen und Sängern!

Das Capriccio Barockorchester und das Vokalensemble Ars Canora freuen sich ausserordentlich, Händels Meisterwerk mit über 130 Sängerinnen und Sängern erklingen zu lassen. Ein «Messiah» zum Mitsingen, Miterleben und Mitgeniessen!"
Gute Idee, sehr gute Umsetzung.
Orchester, Chor, Altus und Sopran sind super!
 
Schiffbau
07.02.2018
Frank Castorf
Die fremde Frau un der Mann unter dem Bett
nach Dostojewski

"Sankt Petersburg, eine abendliche Strassenszene: ein herrschaftlicher älterer Mann im Waschbärenpelz redet verworren auf einen jungen Mann aus einfachen Verhältnissen ein, der vor einem Mietshaus auf das Erscheinen seiner heimlichen Geliebten wartet. Der ältere Herr bezeichnet sich selbst als Junggesellen und als einen „Unzurechnungsfähigen, einen fast Wahnsinnigen“. Tatsächlich ist er besessen und nicht minder gedemütigt von seinem Verdacht, alsbald seine Ehefrau mit ihrem Liebhaber in flagranti zu ertappen, und gerät auf seiner Verfolgungsjagd in zunehmend absurde Situationen. Frank Castorf, der im Sommer seine 25-jährige Intendanz an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin beendet hat, verknüpft diese Vaudeville-artige Erzählung über den Dämon der Eifersucht mit einer anderen Erzählung Dostojewskis: „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ handelt von metaphysischen Themen wie dem „logischen Selbstmord“, der Rebellion gegen Gott, dem Sündenfall, Nächstenliebe und Demut bis hin zur ersehnten Kreuzigung des Ich-Erzählers."
[schauspielhaus.ch]




Eine - trotz knapp 4h Dauer - gelungene, sehr schöne Inszenierung mit gross aufspielenden Schauspieler/innen.
Pfauen
15.02.18
Alvis Hermanis
Hundeherz

"Der auf Verjüngungsoperationen spezialisierte Filipp Filippowitsch wagt ein neues Experiment: Die Operation von einem Hund in einen Menschen. Ein Strassenköter soll dem erfolgreichen Moskauer Arzt und Wissenschaftler als Versuchsobjekt dienen, ebenso wie die Organe eines gerade verstorbenen männlichen Säufers. Gemeinsam mit seinem Assistenten Bormenthal gelingt die Menschwerdung des Hundes – und aus Lumpi wird Lumpikow. Die Fachwelt ist begeistert und feiert sich selbst. Doch der Prototyp einer neuen Zukunft zeitigt ungeahnte Folgen und gerät schliesslich ausser Kontrolle …"
[schauspielhaus.ch]
Ganz schlechte Kritiken, die schlappe Inszenierung werde dem Text nicht gerecht. Schwierig zu beurteilen, da ich das Buch nicht gelesen habe. Gut gespielt, verspielte Zimmerwände, die aber zu oft verschoben werden müssen.

Schiffbau
02.03.18
Barbara Frey
Zur schönen Aussicht von Ödön von Horvath

"Ein morbides Hotel mit dem Namen „Zur schönen Aussicht“ am Rande eines mitteleuropäischen Dorfs: „Eine mächtige alte Karte Europas hängt an der Wand. In der Ecke eine vergilbte Palme. Alles verstaubt und verwahrlost. Im Zimmer über der Halle spielt ein Grammofon Südseeweisen.“ Das Personal dieses gespenstischen Orts: Der kleinkriminelle Kellner Max, welcher die kaum vorhandenen Gäste vorzugsweise barfuss bedient, sowie der windige Chauffeur Karl, der schon mindestens einen Menschen totgeschlagen hat. Der Direktor des Hotels, Strasser, ein abgesetzter Offizier und abgehalfterter Leinwandstar, ist längst nicht mehr liquide. Dementsprechend abhängig ist er von dem einzigen zahlenden Dauergast, der Baronin Ada Freifrau von Stetten, „ein aufgebügeltes, verdorrtes weibliches Wesen mit Torschlusspanik“, das seine Macht als zahlungskräftige Frau geradezu diktatorisch für ihre sexuellen und emotionalen Bedürfnisse zu nutzen weiss. Bis eine junge, hellsichtige Gestalt namens Christine auftaucht und das finstere Idyll stört."
[schauspielhaus.ch]
"...Ach ja, ein Europa-Motiv gibt es auch noch und ein riesiges Schlachtengemälde im ersten Stock. Soll dazu der Kommentar passen, der aus dem – deplatzierten – Flachbildschirm dräut, in dem sich eine Dame gegen das Schächten ausspricht, weil es gegen das Tierschutzgesetz verstoße? Man wüsste es gerne – weil genug Zeit bleibt, um verzweifelt nach Interpretationen zu suchen. Aber man findet nur über zwei Stunden gedehnte Langeweile."
[nachtkritik.de]
Auch mir hat sich die Inszenierung nicht richtig erschlossen. Endzeitstimmung am Ende der Intendanz von Barbara Frey? Bin ich als Schauspieler/in nächste Spielzeit noch dabei?




Schiffbau
10.04.18
Milo Rau
Die 120 Tage von Sodom

"Milo Rau lässt in Zürich, erstens, also Pasolini spielen, dessen infernalische Saga über eine Handvoll von Faschisten, die zum Ende des Krieges in Salò junge Frauen und Männer als Sklaven halten, die sie vergewaltigen, die sie Scheiße fressen lassen, die sie foltern und töten. Er räsoniert, zweitens, aber auch über die Darstellbarkeit von Gewalt. Und er übersetzt, drittens, den im Film gezeigten, mikrokosmologischen Genozid (den sich Pasolini bei deutschen KZ-Betreibern in Polen abguckte) in unsere Zeit. Die These, die Rau im Vorfeld der Uraufführung in den Medien referierte, leuchtet durchaus ein: Die pränatale Diagnostik führt dazu, dass neun von zehn ungeborenen Kindern mit Trisomie 21 abgetrieben und oft erst kurz vor der Geburt totgespritzt werden. Darum spielt das Theater Hora nun "die letzten Menschen", die späten Überlebenden eines Massenmords an ungeborenem Leben, der sich still und heimlich in den Abtreibungskliniken abspielt, während die abendländische Hochkultur weiterbrummt: Kunst und Klaviermusik waren es bei Pasolini. Rau bietet Couperin, Carl Orff, das Glenn Miller Orchestra, Michael Jackson und das Abendmahl auf – sowie, wie schon erwähnt, einen kleinen Guckkasten, auf der die Profis zeigen, wie man mit Aplomb vergewaltigt."
[nachtkritik.de]
Gelungen! Der Bogen vom Pasolini-Film zur pränatalen Diagnostik ist schlüssig. So macht es auch Sinn, dieses Stück mit HORA zu inszenieren.
Schiffbau
18.04.18
Theo Fransz
Liebe Grüsse.... oder Wohin das Leben fällt

"Die Welt von Moritz steht plötzlich Kopf. Seine Grossmutter Mathilde bereist fremde Städte. Seinem Vater Fabian begegnet er auf Schritt und Tritt. Und er entdeckt, dass Alois in Mathilde verliebt war, aber auch der Vater seines Vaters ist. Überall scheinen Geheimnisse verborgen zu sein. Moritz entwickelt detektivisches Fingerspitzengefühl, um ihnen auf die Spur zu kommen. Was aber, wenn man merkt, dass jemand nur die halbe Wahrheit erzählt? Und was kann man tun, wenn man manches gar nicht wissen will?"
[schauspielhaus.ch]
Sehr schöne, spannende Inszenierung einer guten Geschichte mit drei sehr guten Schauspieler/in.
Ob da Kinder allerdings mitkommen, wohl eher nicht.